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711991 / consciousness as process

ausstellung vom 7.1.1991 — 7.1.2021


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Objekt mit 11 Tafeln je 150×150 cm, Siebdruck auf Aluminium
Videoinstallation »headlines« mit 7 Monitoren
11 Holzboxen 50×50 cm mit 9 Tafeln, Siebdruck auf Aluminium

 

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Christian Kravagna

The end of the exhibition coincides with the end of the war. The 11-day countdown from the beginning of the exhibition to the beginning of the war has been considerably delayed (by one year, by nearly 30 years). In the accuracy of its timing, however, it corresponds to the militarily decisive marvel of precision just as the logic of delay corresponds to the passing of the ultimatum. The fact that 17 January, the day of the artistic retreat, coincides with the military attack, discharges the same date into “history” with different connotations. It is there, however, that the appearance of the same date a third time produces the real comparison. The further considerable delay is necessary in so far as the repetition of events – the renewed military attacks on the same day of the following year – pushes the artistic date into the middle. And it is exactly there, in the middle, where it belongs. Because the artistic statement does not primarily refer to (political-military) reality but, to a far greater extent, is framed by it, and even in perfect symmetry, the correspondence of the logic of art and power politics is demonstrated. The tactics of both draw their strength from the magic of the date. Both the artistic and the military reference points, which turn events into anniversaries, rest upon the power of remembered occurrences, whether the intention be to create monuments or food for thought. The strategic artist knows just as well as politician or general where and when he should start his campaigns to achieve the greatest possible effect. 

If artistic or military campaigns are allowed to be split between content and rhetoric in relation to their effectiveness – however much they cannot be separated – the intervention must prove its firepower to the same extent on both levels. The framework, the appropriate language and images for the core of operation, is just as important for success as the operation itself. The decisive factor is not only whether the message reaches its target but far more how large an audience it can command. Power over, and access to, the channels of information distribution, up to and including the substitution of events by their interpretation, increase the chances of success, not least because of the way in which a report contributes to the writing of history. The delay, however long or short it may be, is what creates the fact and the right way of looking at it. 

Conversely – and this is the other side of the logic of delay – the announcement brings with it the necessity for its realisation. The ultimatum, the last point to be passed and the first from which action must start, puts the same pressure on both parties and prepares the ground for the legitimate element of surprise. In spite of this the question remains as to the decisive point in the chronical of events.

 Is there a predetermined date between the prologue and the drama or rather another one, the one from which behaviour actually changes? 

This is where military and artistic ultimatums differ. Where the one produces delayed action the other finishes its proceedings on time. But why does art retreat when it really begins? Is it because it must be silent about things which it cannot speak or other honourable motives? Or is it the result of a simple understanding of how marginal its voice is? No, the orderly retreat follows the strategy of agreement to silence. This speechlessness is not the result of doubt about its power of expression but rather of the knowledge of the far greater power of that which it would have to discuss. With the well-aimed mobilization of those images which raise themselves when speech abruptly falls silent the aesthetic prologue leaves the stage to the martial play. A performance which guarantees success, as proved by the fact that it is produced again and again.

With the prologue on a symbolic level and the interlude on a historical level the artistic campaign gains from the course of events to which it simultaneously remains harnessed. The adaption of appropriate strategies still allows the enclosing frame, from which there is no escape, to determine a limited field of action. 


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Christian Kravagna

Das Ende der Ausstellung fällt mit dem Beginn des Krieges zusammen. Der 11-tägige countdown vom Ausstellungs- bis zum Kriegsbeginn läuft zwar mit geraumer (einjähriger) Verspätung, entspricht in der Genauigkeit des Timings allerdings dem kriegsentscheidenden Präzisionswunder, ebenso wie sich die Logik der Verspätung mit der Überschreitung des Ultimatums trifft. Das Zusammentreffen des 17. Jänner, die punktuelle Berührung des künstlerischen Rückzugs mit dem militärischen Angriff, entläßt gleichlautende Daten mit unterschiedlicher Konnotation in die Geschichte. Dort allerdings stellt erst das Auftreten eines dritten gleichnamigen Datums die tatsächliche Vergleichbarkeit her.  Die weitere beträchtliche Verspätung ist insofern notwendig, als durch die Wiederholung der Ereignisse – die erneuten militärischen Aktionen in eben jenen Tagen des darauffolgenden Jahres – das künstlerische Datum in die Mitte rückt. 

Genau dorthin, in die Mitte, gehört es auch. Denn daran, daß die künstlerische Stellungnahme letztlich nicht vorrangig auf (politisch-militärische) Wirklichkeit verweist, sondern vielmehr von dieser gerahmt wird, noch dazu in schönster Symmetrie, zeigt sich die Übereinstimmung der künstlerischen mit der machtpolitischen Logik. Beider Taktik bezieht ihre Stärke aus der Magie des Datums. Die künstlerische wie die militärische Referenz, die dem einmal Geschehenen zum Jahrestag erwiesen wird, vertraut auf die Macht des Erinnerten, sei es in der Absicht des Denk-Mals oder des Denk-Zettels. Der strategische Künstler weiß wie der Politiker und Feldherr genau, wann und wo er seine Aktionen zu setzen hat, um größtmögliche Performanz zu erzielen.

Läßt sich die künstlerische wie die militärische Aktion hinsichtlich ihrer Effektivität in eine – wiewohl nicht voneinander zu trennende – inhaltliche und rhetorische Seite aufsplitten, so muß die Intervention auf beiden Ebenen gleichermaßen ihre Schlagkraft unter Beweis stellen. Das rahmende setting, die entsprechende Versprach- und Verbildlichung des harten Kerns der Operation, ist dabei ebenso erfolgsbestimmend wie dieser selbst. Entscheidend ist nicht nur, daß die Botschaft ankommt, sondern welches Maß an Gehör sie sich zu verschaffen weiß. Die Gewalt über, bzw. der Zugang zu den informationsverbreitenden Kanälen, mithin zur Substitution der Fakten durch deren Interpretation, potenziert die Erfolgschancen nicht zuletzt aufgrund der vom Bericht geleisteten Historisierung. Die Verspätung – wie groß oder klein sie sein mag – schafft erst das Faktum und seine richtige Sicht. 

Umgekehrt – das ist die andere Seite der Logik der Verspätung – bringt die Ankündigung die Notwendigkeit ihrer Einlösung mit sich. Das Ultimatum, letzter Punkt, den es zu überschreiten, und erster, ab dem es zu handeln gilt, gleichermaßen Zwang für beide Parteien, bereitet den Boden für den legitimen Überraschungseffekt. Trotzdem bleibt die Frage nach der entscheidenden Zäsur in der Chronik der Ereignisse. Steht zwischen Prolog und Drama das vorab gesetzte Datum oder jenes, ab dem sich tatsächlich das Verhalten ändert?  

Darin unterscheidet sich ja das Kriegs- vom Kunst-Ultimatum. Wo das eine verspätet Taten zeitigt, beendet das andere pünktlich die Handlung. Aber warum zieht die Kunst sich zurück, wenn es eigentlich erst losgeht? Weil sie schweigen muß, worüber sie nicht redden kann, oder aus ähnlich ehrenwerten Motiven? Oder doch aus schlichter Einsicht in die Marginalität ihrer Stimme? Nein, der geordnete Rückzug folgt der Strategie des beredten Schweigens. Nicht aus Zweifel an ihrer Sagkraft verstummt die Rede, sondern aus dem Wissen um die weit größere Macht dessen, wovon sie zu sprechen hätte. Im gezielten Einsatz jener Bilder, die beim abrupten Abbruch der Rede sich selbst zur Sprache bringen, überläßt der ästhetische Prolog dem martialischen Stück die Bühne. Einem Stück, das den Erfolg garantiert, was seine Wiederaufnahme beweist.

Prolog auf symbolischer, Intermezzo auf geschichtlicher Ebene, zieht die künstlerische Aktion Gewinn aus dem Lauf der Ereignisse, in die sie gleichzeitig eingespannt bleibt. Die Adaption entsprechender Strategien läßt immerhin dem einschließenden Rahmen, aus dem es kein Ausbrechen gibt, ein beschränktes Aktionsfeld einschreiben. 

 





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der 5-teilige Gemäldezyklus ist als eine Art »Antwort« auf das Projekt »711991« zu sehen. Die Begriffe listen / respect / trust / declare / care verweisen auf ein diskursives Erkennen.

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